Ersthelfer Blog

Willkommen im aidclub Blog.

Hier geht es um Erste Hilfe – aber nicht nur.

Es geht um Menschen. Um Verantwortung. Um Unsicherheit. Und um die Frage, warum wir in Notfallsituationen manchmal zögern, obwohl wir helfen möchten. Ich bin überzeugt, dass die größte Hürde in der Ersten Hilfe nicht fehlendes Wissen ist, sondern die Angst, etwas falsch zu machen. Erste Hilfe beginnt mit Vertrauen in dich selbst.

 

In diesem Blog teile ich Gedanken, Erfahrungen, praktische Tipps und Hintergründe rund um Erste Hilfe, Notfallmedizin und das Helfen im Alltag. Manche Beiträge erklären konkrete Maßnahmen oder generelle Themen der Ersten Hilfe als ergänzendes Wissen zu unseren Kursen. Andere Beiträge beschäftigen sich mit den menschlichen Faktoren dahinter: Angst, Selbstvertrauen, Verantwortung und Entscheidungsfähigkeit.

 

Denn Wissen hilft. Handlung rettet. aidclub wurde gegründet, weil wir glauben, dass Menschen mehr brauchen als auswendig gelernte Abläufe. Sie brauchen das Vertrauen, im entscheidenden Moment etwas zu tun. Nicht perfekt. Aber bereit zu helfen.

 

Egal, ob du bereits einen Kurs besucht hast, dein Wissen auffrischen möchtest oder einfach neugierig bist: Schön, dass du hier bist.

Willkommen im Club.

 

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Wenn hilfe holen sich falsch anfühlt

 

 

Dieser Artikel wird etwas länger, aber es ist mir ein besonderes Anliegen und ich möchte das nicht zu oberflächlich behandeln.

 

In meinen Erste-Hilfe-Kursen spreche ich regelmäßig darüber, dass man bei medizinischen Notfällen, aber auch bei Unsicherheit, den Notruf wählen sollte. Niemand erwartet von Euch eine korrekte, medizinische Diagnose. Der Notruf ist genau dafür da: Hilfe zu organisieren, die Situation einzuschätzen und bei Bedarf Anweisungen zur Ersten Hilfe zu geben. Trotzdem begegnet mir in meinen Kursen immer wieder ein Thema: schlechte Erfahrungen mit dem Notruf oder dem Rettungsdienst.

 

"Der Disponent klang genervt."

 

"Der Rettungsdienst hat mich nicht ernst genommen."

 

"Mir wurde das Gefühl gegeben, ich hätte übertrieben."

 

"Seitdem überlege ich zweimal, ob ich überhaupt noch den Notruf wählen würde."

 

Wie ihr vielleicht wisst, habe ich meine Großmutter reanimieren müssen. Das war ein paar Jahre bevor ich Erste-Hilfe-Kurse geleitet habe. Die Leitstelle hat mich in die Reanimation unterwiesen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie mich die ruhige und sehr sachliche Art des Disponenten irritiert hat. In dieser emotionalen Ausnahmesituation wirkte sie auf mich fast schon teilnahmslos. Erst später habe ich gelernt, dass diese bewusste Ruhe dazu dient, Menschen zu strukturieren und durch hoch stressige Situationen zu führen.

 

Anfang 2026 habe ich meine 2. negative Erfahrung gemacht. Ein junger Kerl ist in einem Einkaufszentrum bewusstlos geworden. Er hat zwar langsam aber noch eigenständig und regelmäßig geatmet. Ich war mit meinen Kindern und Partnerin unterwegs trotzdem sind wir vor Ort geblieben und haben die Person in der Seitenlage gelegt und die Atmung regelmäßig kontrolliert. Einige Angehörige und auch ein paar Passanten standen dabei. Beim Eintreffen des Rettungsdienstes kam dann ein pampiges: "wir brauchen Platz es sollen alle verschwinden." Ich wusste rational, dass die Einsatzkräfte sich zunächst auf ihren Patienten konzentrieren mussten. Trotzdem hat mich die Situation beschäftigt. Ich habe dann an meine Teilnehmer gedacht und mich gefragt wie würden sie sich fühlen? Wäre es demotivierend gewesen? Wären Sie vielleicht sogar verunsichert? 

 

Solche Erlebnisse können Menschen lange beschäftigen. Manche ärgern sich noch Jahre später darüber. Andere fühlen sich beschämt, zweifeln an ihrer Entscheidung oder entwickeln sogar ein schlechtes Gewissen, weil sie glauben, den Rettungsdienst unnötig alarmiert zu haben. Und genau diese Gefühle sind nachvollziehbar. Wer sich in einer Ausnahmesituation befindet und wenn man den Notruf wählen möchte ist dies so eine Ausnahmesituation, macht sich Sorgen. Man ist verunsichert, hat Angst, etwas falsch zu machen, und sucht Hilfe. Wenn man in diesem Moment das Gefühl bekommt, nicht ernst genommen zu werden oder eine Belastung zu sein, bleibt das oft im Gedächtnis. Auch wenn man sich in einer solchen Situation nicht richtig behandelt fühlt, kann es hilfreich sein, die andere Seite besser zu verstehen. Nicht um schlechte Erfahrungen kleinzureden oder zu rechtfertigen, sondern um manche Reaktionen und Verhaltensweisen besser einordnen zu können.

 

Genau darum soll es in diesem Artikel gehen.

 

Der Rettungsdienst sieht nur einen kleinen Ausschnitt. Jemand hat starke Beschwerden, große Sorgen oder erlebt eine Situation, die er selbst nicht einschätzen kann. Der Notruf wird gewählt. Doch bis der Rettungsdienst eintrifft, haben sich die Beschwerden gebessert oder die Situation wirkt plötzlich weniger dramatisch. Dann fallen manchmal Sätze wie: "Da ist ja gar nichts."

"Warum haben Sie denn dafür den Rettungsdienst gerufen?" Oder zumindest wird es so wahrgenommen.

 

Das Problem dabei: Der Rettungsdienst sieht nur den Moment, in dem er eintrifft. Er sieht oft nicht die Unsicherheit, die Angst oder die Symptome, die vielleicht 20 Minuten zuvor bestanden haben.

 

Die Entscheidung, den Notruf zu wählen, wird jedoch nicht mit dem Wissen von später getroffen.
Sie wird mit den Informationen getroffen, die in diesem Moment verfügbar sind.

 

Rettungsdienst und Leitstelle arbeiten unter besonderen Bedingungen. Sie erleben täglich schwere Erkrankungen, Unfälle, psychische Krisen und belastende Schicksale. Dazu kommen Zeitdruck, Personalmangel, lange Schichten und Einsätze, die sich oft nahtlos aneinanderreihen. Das bedeutet nicht, dass Unfreundlichkeit in Ordnung ist.

Aber es kann erklären, warum manche Gespräche sachlicher, direkter oder weniger einfühlsam wirken, als Betroffene es sich wünschen würden. Teilweise ist dies sogar Taktik. Sowohl für Betroffene als auch für den Rettungsdienst selbst, damit Sie diese schwierige Arbeit überhaupt bewerkstelligen können.

Was für den Anrufer möglicherweise einer der schlimmsten Momente ist, kann für die Leitstelle bereits der zwanzigste Anruf des Tages sein. Diese Perspektive erklärt vieles – auch wenn sie nicht jede schlechte Erfahrung entschuldigt. Niemand erwartet von Laien eine Diagnose

 

Ein Gedanke ist mir besonders wichtig:

Der Notruf ist nicht dafür da, dass ihr vorher herausfindet, was genau los ist. Ihr müsst keine Diagnose stellen. Ihr müsst nicht entscheiden, ob es sich um einen Herzinfarkt, eine Panikattacke oder etwas anderes handelt. Genau dafür gibt es den Rettungsdienst. Viele Menschen bewerten ihre Entscheidung rückblickend anhand des Ergebnisses.

Doch das ist oft unfair. Wenn sich später herausstellt, dass die Situation harmloser war als befürchtet, bedeutet das nicht automatisch, dass die Entscheidung falsch war. Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig? Diesen Satz hört man oft. Und ja, er stimmt grundsätzlich. Allerdings wird er häufig missverstanden. Natürlich sollte man nicht wegen jedes kleinen Kratzers den Rettungsdienst alarmieren. Aber wenn ernsthafte Beschwerden bestehen, jemand nicht ansprechbar ist, starke Schmerzen hat, Atemnot entwickelt oder ihr schlicht nicht wisst, wie ihr die Situation einschätzen sollt, dann ist der Notruf genau dafür da.

Das System ist darauf ausgelegt, dass Menschen Hilfe holen, bevor sie sicher wissen, was passiert. Denn wer erst dann anruft, wenn keinerlei Zweifel mehr bestehen, ruft möglicherweise zu spät an.

 

Lass nicht zu, dass eine schlechte Erfahrung Deine nächste Entscheidung beeinflusst. Vielleicht ist das der wichtigste Punkt dieses gesamten Artikels.

 

Eine schlechte Erfahrung mit dem Notruf oder dem Rettungsdienst kann frustrieren. Sie kann ärgern. Sie kann dazu führen, dass man sich ungerecht behandelt fühlt. Aber sie sollte nicht dazu führen, dass man beim nächsten Notfall keine Hilfe mehr holt.

Nicht jede Begegnung mit dem Rettungsdienst oder der Leitstelle verläuft perfekt. Schlechte Erfahrungen gibt es – und sie dürfen benannt werden. Gleichzeitig sollte man sich immer bewusst machen: Die Entscheidung, den Notruf zu wählen, wird in einer Situation getroffen, die oft von Unsicherheit, Sorge und Zeitdruck geprägt ist. 

 

Manche Lehrkräfte versuchen Teilnehmenden beizubringen, medizinische Situationen besser einzuschätzen und somit Fehlalarmierungen zu vermeiden. Das Ziel ist grundsätzlich sinnvoll. Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass Erste Hilfe von Laien durchgeführt wird. Niemand kann erwarten, dass Menschen nach einem Erste-Hilfe-Kurs die gleiche Sicherheit besitzen wie medizinisches Fachpersonal. Deshalb bleibt meine Botschaft unverändert: Wer sich überfordert fühlt oder eine Situation nicht einschätzen kann, darf und soll den Notruf wählen.

 

 
Handlungssicherheit bedeutet nicht, immer die perfekte Entscheidung zu treffen.
Handlungssicherheit bedeutet, mit den Informationen zu handeln, die man in diesem Moment hat.

 

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